Lebens-Ende

28. August 2008 at 13:08:26 (Allgemein)

Ich bin in einer total seltsamen Stimmung…ich wollte eigentlich schon gestern schreiben, aber ich musste das erstmal verdauen…

Ich bekam gestern Nachmittag einen Anruf.

Ziemlich brüchig war eine Männerstimme zu hören:
„Hallo, sind Sie die Sängerin?“
„Ja? Was kann ich für Sie tun?“
„Nun…es ist etwas schwierig…“
„Ähm…versuchen Sie es doch einfach mal?“
„Ich…ich werde sterben.“

Uff. Hart und direkt mitten in den Magen.

„Und ich möchte, dass Sie auf meiner Beerdigung singen. Ich plane meine Beerdigung selbst…“

Ich ließ mir einen Moment Zeit zu antworten, beschloss aber dann, eher geschäftig drauf einzugehen. Wir sprachen dann über die Lieder, die er sich wünscht und wie alles aussehen soll…ich wusste, dass Mitleidsbekundungen sicher falsch am Platz seien und versprach ihm, dass ich da sein würde, um zu spielen und zu singen. Ich ermunterte ihn, das alles zu notieren, damit die Hinterbliebenen auch wüssten, was sie zu tun hätten.

Die Hinterbliebenen…und das sagte ich einem noch Lebenden…

Am Schluss sagte er dann noch:
„Ich melde mich dann, wenn…es…also…“
Und ich sagte betont fröhlich:
„Ich hoffe, DIESER Anruf kommt noch nicht so bald.“
„Ja…ich hoffe es auch….“

Ich legte auf und starrte vor mich hin.
Da ruft ein Mensch mich an, der demnächst stirbt, so dass er seine eigene Beerdigung organisiert… Und ich schwankte zwischen einer seltsamen Trauer (ich kenne den Mann, fiel mir danach ein…er ist ein querschnittsgelähmter Mann unserer Gemeinde – ein SEHR netter.), obwohl ich mit ihm ja nie mehr zu tun hatte und dem Respekt, dass er sich aufrafft und seinen Tod quasi organisiert.

Es war wirklich unheimlich…man hatte fast das Gefühl, mit dem Tod selbst zu reden, so wie er sprach…dabei redete man mit dem Leben. Dieses Leben war zwar schwach, aber es WAR LEBEN… Wie träumerisch er von den beiden Liedern sprach, die er gesungen haben wollte, wie genau er sich alles überlegt hatte… Das ging mir wirklich nahe, bzw brachte mich zum Nachdenken.

Man macht sich irgendwie keine Gedanken über den Tod. Da ich ja nebenjobtechnisch in einem Bestattungsunternehmen als Organistin arbeite, wie meine Stammleser wissen (und jetzt auch alle anderen 😉 ), bin ich da eigentlich schon abgehärtet. Ich habe auch schon scherzhaft mit den Bestattern zusammen Blumen und ein Sargmodell ausgesucht, wir stritten über die Schnitzereien und darüber, ob Rosen oder Sonnenblumen besser zu mir passen…meine Mutter war damals geschockt, als ich ihr das erzählte. Doch das war im Spaß, weil man als Bestatter eh recht derb ist in seinem Humor und ich mich inzwischen dran gewöhnt habe…

Doch hier war das anders. Diese Direktheit „Ich werde sterben“…und das unvorbereitet…das hat mich echt voll erwischt in dem Moment…und man beginnt, sich für sein eigenes Leben zu bedanken. Mein Leben ist so verwirrt und durcheinander, so abgedreht, wundervoll, schrecklich, toll, irre, mannigfaltig…und ich DANKE dafür, dass ich es habe. Und ich hoffe, dass ich es noch eine Weile habe. Das Leben ist was Wundervolles, mit allen Sinnen dieses Leben wahrzunehmen und das beste draus zu machen, ist der Sinn…

Ich habe beschlossen, mein Leben wieder etwas bewusster zu leben. Mich nicht nur vom Job auffressen zu lassen, sondern Dinge zu tun, die mich erfüllen und mir Spaß bereiten.

Und wie ist es mit euch? Tut doch heute mal etwas, das euch Glück beschert, dass euch zeigt, wie schön und lebenswert das Leben ist…etwas, das ihr schon lange machen wolltet, aber an dessen Umsetzung der Alltag euch bisher gehindert hat…irgendwas, wo ihr abends da sitzt, lächelt und sagt: mensch…was ein toller Tag…und was für ein schönes Leben…

…es ist das einzige, was wir haben…

9 Kommentare

  1. micha said,

    Du schreibst oben, dass du durch deine Arbeit beim Bestatter abgehärtet bist. Dass selbst Bestatter nicht immer davor gefeit sind, kann man gut auf dem Bestatterwebblog nachlesen.

    Ich bin der Meinung, dass nichts zufällig passiert. Und wenn dir dieser Anruf bewusst gemacht hast, dass dein Leben klasse ist, ist das doch schon etwas. Ich finds aber auch gut, dass der Anrufer seine Beerdigung selbst organisiert. Ist auch eine Art, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen. Eine schöne dazu, wie ich finde. Ich glaube, er hats akzeptiert. Es gibt zu diesem Thema interessante Bücher von Elisabeth Kübler-Ross (nur so als Tipp für diejenigen, die es interessiert).

  2. Sylvi said,

    Man lebt sein Leben und macht sich keine Gedanken darüber. Wenn dann aber sowas kommt, beginnt man nachzudenken und man macht sich bewußt Gedanken darüber, ob es das Richtige ist, was und wie man es tut.
    So ein Moment, wie du ihn am Telefon erlebt hast, ist nicht unbedingt das, was man jeden Tag erleben möchte. Trotzdem sind das wichtige Momente, die manchmal das ganze Leben verändern können.

  3. Wolfgang said,

    Deshalb sollte sich jeder immer wieder mal die Frage stellen, was man tun würde, wenn man nur noch einer Woche zu leben hätte – und das dann auch verwirklichen!

    Seine eigene Beerdigung zu organisieren klingt zwar makaber, aber ich glaube, damit kann man auch besser mit dieser Situation umgehen. Man ist ihr nicht ausgeliefert, sondern man kann sie gestalten – so wie das Leben auch!

    Aber so eine Situation am Telefon – ganz schön heftig!

  4. Martin said,

    Es gehört viel Mut dazu, seine eigene Beerdigung zu organisieren, denke ich, und viel Akzeptanz der Tatsache, dass eine Krankheit wohl nicht mehr therapierbar ist.
    Wie Du weisst, habe ich bereits mehrfach mit Tod und Sterben zu tun gehabt, ein Mensch ist mir unter den Händen weggestorben, andere Menschen habe ich nur noch tot erlebt, oder sterbend nach Unfällen, Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Ähnlichem.
    In all diesen Fällen konnte ich einen gewissen Abstand wahren, auch wenn sie mich zum Teil beschäftigten.
    Viel schlimmer für mich war ein Telefongespräch mit meiner Mutter, in dem sie mir das sagte, was ich eigentlich sowieso schon wusste, dass sie nämlich „aus der Sache nicht mehr raus“ käme, sie hatte nach therapiertem Brustkrebs plötzlich eine Lebermetastase entwickelt und die Therapie schlug einfach nicht an, da meine Mutter stark an den Nebenwirkungen der Chemotherapie litt und diese ständig verändert werden musste.
    Der zweite Anruf kam von meinem Vater, der mir erklärte, dass meine Mutter, inzwischen von den Chemos sehr geschwächt und wieder im Krankenhaus, jetzt im Sterben läge und es unvorhersehbar sei, wann es soweit sei.

    Solche Anrufe können einen gefühlsmäßig stark aus der Bahn werfen, aber Deinem Falle, Dana, würde ich es als Ehre ansehen, dass er Dich fragte, denn so kannst Du mit Fug und Recht sagen, dass es allein sein Wunsch war, Dich zu hören.

  5. Dana said,

    Mich zu hören…das hat ja eigentlich wieder eine ziemliche Ironie…

    Aber ansonsten stimmt es…Konfrontationen mit dem Tod sind nicht leicht weg zu stecken.

  6. Martin said,

    War falsch ausgedrückt, bitte entschuldige.
    Mir ging ziemlich viel im Kopf rum, als ich das geschrieben habe, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt.
    Andererseits, wer sagt denn, dass er Dich nicht hören wird? Nicht sein Körper, vielleicht aber seine Seele, man weiß es nicht …

  7. Wolfgang said,

    Er wird dich hören, da bin ich mir sicher!

  8. crosa said,

    Oh, das ist bestimmt keine ganz einfache Situation. Aber es sind diese Momente die einen die Kostabarkeit Leben erst erkennen lassen. Mein Arbeitskollege hatte heute vor 2 Jahren einen Herzinfarkt. Er wurde schon für klinisch tot erklärt, hat aber nach 2 Wochen Koma überlebt und sitzt mir heute wieder gegenüber. Seit diesem Zeitpunkt lasse ich vielen beruflichen Stress bei weitem nicht mehr so nahe an mir ran wie vor dem Unfall.

    Ich hoffe der Mann hat noch viele schöne Tage vor sich.

    Sehr interessant hier, hab den Link gerade im DSLR-Forum „gefunden“ und werde mich jetzt gleich noch etwas einlesen 😉

  9. Dana said,

    Oh, das freut mich. =)

    Jeder neue Leser ist mir sehr willkommen! =)

    Viel Spaß dabei!

    Was deinen Arbeitskollegen angeht: das ist auch starker Tobak. Dies sind die Dinge, an die man immer wieder denkt…seid ihr nun enger zusammengeschweißt als früher?

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