Von Theaterbesuchen und Kreuzweh

07. Dezember 2008 at 03:12:19 (Allgemein)

Wie ihr ja wisst, kann mein Körper, bzw einzelne Teile desselben mit mir sprechen.

Und, auch wenn ich das gar nicht unbedingt begrüße, tun sie das IMMER WIEDER.
Meine Körperteile sind insgesamt sehr unlustige Zeitgenossen, sie haben auf nichts Bock und beim Sport jammern sie am meisten. Ob das meine Armmuskeln sind, die vor sich hin grummeln, weil sie keine Lust haben, 10 Kilo zu heben, ob das meine Beine sind, die keine Lust auf Hometrainer haben, ob das mein Magen ist, der rumnervt, wenn ich mal wieder durcheinander esse…IMMER hat mindestens ein Teil rumzumeckern. Und Leute…das geht mir gewaltig auf den Keks.

Mir geht es besser als gestern, ich nehms heute mal wieder mit Humor, hätte aber SO gerne einfach mal einen schmerzfreien Tag!
Moment ist es Herr Rücken. Herr Rücken ist eigentlich völlig in Ordnung gewesen all die Jahre und war mit der freundlichste Zeitgenosse. Zickten Bauch, Galle, Knochen und sonstige Dinge in mir böse rum, er war immer der ruhende Pol…doch seit einer Weile habe ich den Eindruck, der liebe Nikolaus hätte mir unsichtbar seinen Sack aufgebunden!

Das fing an, als ich aus Berlin zurück kam. Da zwickte es mich immer mal ganz unten bei den Steißwirbeln. Ich ignorierte es, wie ich es gerne mache, wenn eins meiner Gliedmaßen oder eben Knochen oder sonstiges meint, mal bei den ganzen Meckerern mitmischen zu müssen. So macht man es doch auch bei kleinen Kindern…ignorieren, wenn sie fallen, dann brüllen sie erst gar nicht, es guckt ja eh keiner zu… naja, aber es zwickte dann doch immer mal MEHR…trotzdem, ich hatte die letzte Zeit einfach keinen Nerv, mich stundenlang zum Orthopäden zu setzen, nur um dann zu hören: „Sie müssen sich schonen! Viel liegen, wenig Stress…“ HAHA…In zwei Wochen sind Weihnachtsferien. Bis da ist Durcharbeiten angesagt. So schön es klingt, wenn Leute sagen: „schone dich doch…“, so utopisch ist es. Wirlich.

Nunja, heute Morgen merkte ich schon, dass es meinem Rücken heute nicht so gut ging. Ich hatte mich nachts irgendwie freigestrampelt und da wir das Fenster immer etwas offen haben, weil ich schlechte Luft im Schlafzimmer HASSE, bin ich fürchterlich ausgekühlt. Als ich dann aufstand, fingen Rücken, Hals, Drüsen und Genick gleichzeitig das Brüllen an und nur ein Machtwort und das Versprechen, mich gleich nach einer frischen, kühlen Aspirin umzuschauen, brachten Ruhe. Das Blöde: ich hatte heute noch einen Massenauftritt herum zu kriegen…und abends war Chorkonzert im Staatstheater, zu dem mich mein Mann überredet hatte. Eigentlich wollte ich nur meine Ruhe, aber wir machen eh so wenig miteinander, dass ich diese Chance nicht verstreichen lassen wollte.

Gegen Mittag machte ich mich dann zur Stadthalle auf, wo ich mit ca 100 Kindern einer Grundschule einen halbstündigen Adventsauftritt für 1500 Senioren hatte. Ich war gebucht worden, die Kinder musikalisch anzuleiten und zu begleiten…es war wirklich anstrengend. Nicht nur, dass es in dem ganzen großen Saal nach Lavendel, Mottenpulver und anderen Dingen roch und es knallheiß war, nein, die Kinder waren auch noch so aufgeregt, dass sie kaum still halten konnten. Für mich, meine momentane Durchhängphase und meinen Rücken war das nicht wirklich förderlich. Und dann heute Abend das Chorkonzert. Wir gingen vorher Essen.

Ich quetschte mich auf die Holzbank des Braustübls und freute mich auf mein Steak…allerdings sagte mir mein Rücken schon wieder unverhohlen die Meinung, obwohl ich gar nicht gefragt hatte. Als die Suppe kam und ich einen Löffel gegessen hatte, schrieen dann auch noch meine Geschmacksnerven mit, da zwischen diesem Gebräu und einer ordentlich durchgemischten Spülwasserpampe nicht viel Unterschied auszumachen war. Ich ließ die Suppe zurück gehen, bekam unter einigen Bücklingen seitens der Kellnerschaft stattdessen einen Salat, der ok war und vergaß über dem guten Steak dann meinen Rücken. Der meldete sich wieder, als ich aufstehen wollte. MIST, meine Güte, das tat weh!! Ich ging den Weg zum Theater dann etwas langsamer, einfach um den Rücken zu entspannen, was mein Mann mit kleinen Witzen über mein ach so fortgeschrittenes Alter quittierte. Jaja, wer den Schaden hat, ich weiß schon…

Dort angekommen, stellte ich mich an der Kasse für Karten an.
Da kam eine der Geigerinnen aus dem Theaterorchester: „Hey, habt ihr noch keine Karten?“
(Musiker untereinander kennen sich meist oder haben sich wenigstens schonmal gesehen)
„Nein…noch nicht.“
„Ich hätte da zwei, nebeneinander –  auf dem Rang allerdings.“
„ui, cool! How much?“
„Nix. Sind Freikarten. Freunde von mir konnten nicht.“

Yeeeehaw! So musses gehen.
Wir bedankten uns artig und begaben uns auf den Rang. Der Rang fällt sehr steil ab, die Plätze sind sehr eng bemessen, ähnlich wie in der 3. Klasse im Flugzeug… 😀 Ich setzte mich…und merkte schon nach fünf Minuten Vorstellung, dass mein Rücken sich anschickte, eine eigene Vorstellung zu geben. Nach einer halben Stunde konnte ich kaum mehr sitzen, nach einer Dreiviertelstunde fragte ich das Schicksal, warum es mich so marterte…

Als dann endlich Pause war, stand ich auf und dachte, mich trifft der Blitz in den Rücken. Es tat wirklich ungemein weh, da man sich in diesen Sitzen kaum rühren konnte und ich insgesamt nicht so sitzen konnte, wie es schmerzfrei und entspannend gewesen wäre. Ich beschloss also, die zweite Hälfte des Konzertes nicht zu besuchen, sondern in der Zeit draußen etwas auf und ab zu gehen, um den Rücken etwas zu entlasten. Das tat auch sehr gut und ich merkte, wie es besser wurde. Ich setzte mich, da es mir draußen dann doch nach einer halben Stunde zu kalt wurde, innen auf die beheizten Bänke. Das tat dem Rücken dann so halb gut. Gut, weil die Wärme gut tat, nicht so gut, weil die Bank recht hart war. Ich versuchte trotzdem, mich einfach etwas zu entspannen und der Stille zu lauschen. Theater sind, wenn Vorstellung ist, so schön ruhig…niemand war da. Ich war zwar überrascht, dass absolut NIEMAND den Eingang des Theaters bewachte, aber mir gefiel es…so war ich alleine und konnte meinen Gedanken nachhängen.

Plötzlich wurde ich jäh  aus dieser Stille gerissen. Fahrradklingeln drang an mein Ohr, ich öffnete irritiert die Augen, die ich gerade für eine kurze Zeit geschlossen hatte: Fahrradklingeln???

Und tatsächlich…ein kleiner Halbstarker, so um die 15 Jahre alt, fuhr mit seinem alten Herrenfahrrad im Vorraum des Theaters herum, „coole Sprüche“ zu seinem Freund schleudernd, der etwas scheuer im Hintergrund mit seinem Fahrrad gerade durch die Türe kam. Ich sah dem Treiben einen Moment zu, weil ich erst meine Gedanken ordnen musste. Ich musste mir überlegen, ob es wirklich Leute gibt, denen SO dermaßen ins Hirn geschi…….. wurde, dass sie eine Theatervorhalle mit der Straße verwechseln. Ich schaute hin: die Unterschiede waren eigentlich klar ersichtlich…keine Straßenschilder, keine Bürgersteige, kein Straßenbelag, keine frische Luft…und ich hatte auch noch nie gehört, dass man, um auf der Straße zu bleiben, durch große goldene Türen (hat unser Theater) fahren müsse!

Nachdem ich also innerlich das Für und Wider abgewogen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass die beiden einen gehörigen Schuss haben mussten. Ich wartete, bis der Wortführer wieder klingelnd bei mir angelangt war und fragte ihn laut:
„Das ist nicht euer Ernst, oder??“
Ein frecher Blick in meine Richtung:
„Doch??“
Boah, der sollte mich kennen lernen.
„Dir ist schon klar, dass es einfach nur von Hirnlosigkeit zeugt, deinem Freund sowas als cool zu verkaufen?“
Der Blick wurde schon irritierter:
„äh?“
„Ok, für dich in einfacherer Wortwahl: Glaubst du, dass dein Freund dich in dem Moment für cool und klug hält, wenn du laut klingelnd mit deinem alten Herrenfahrrad hier Kreise ziehst?“
Der so angesprochene Freund zog schnell den Kopf ein, man sah ihm an, dass es ihm überhaupt nicht wohl war, was sein großmäuliger Kumpel da abzog.
Ich merkte, dass ich da eine Chance hatte, den kleinen klingelnden  Scheißer vor mir, der inzwischen zwar noch klingelte, aber nicht mehr wirklich fuhr,  zu isolieren und wendete mich an seinen Freund:
„Schau…du hättest jetzt noch die Möglichkeit, mir zu zeigen, dass du keiner minderbemittelten Spezies angehörst, die es nötig hat, mit Fahrrädern durch öffentliche Gebäude zu fahren, um cool zu scheinen.“
Mit hochrotem Kopf trat der hintere Bengel den Rückzug nach draußen an, indem er sein Fahrrad einfach betont lässig zurück rollen ließ und mich motzig anschaute. Mir war sein Blick wurscht, Hauptsache, er war draußen und sein Freund war alleine noch hier.
Ich blitzte ihn an:
„Und nun zu dir, Mister Cool! Wenn du nicht bald zu den Leuten gehören willst, über die man hinter ihrem Rücken lacht, weil sie nur Mist im Hirn haben, solltest du dich schleunigst verpissen und so einen Scheiß lassen.“
Ui. Mit dieser Wortwahl hatte er nicht gerechnet…ich hatte auch so leicht den Eindruck, dass mein Outfit (offene Locken, Lederjacke, also eher etwas cooler) dazu beitrugen, dass er mich nicht als „alte Schlampe“ sah. Ich benutze solche Fäkalsprache sonst äußerst selten, aber ich hatte so den Eindruck, dass ich mit höherer Wortwahl nicht an mein Ziel kam….und ich kam an mein Ziel.

Natürlich konnte er sein Gesicht nicht auf diese Weise verlieren. Er murmelte noch was in seinen nicht vorhandenen Bart, was ich wirklich besser NICHT verstanden hatte, schwang sich auf, fuhr noch eine provokante, klingelnde Runde  und dann, als er NOCHMAL in meine Richtung abbiegen wollte und ich meine Stimme nun etwas ärgerlich erhob („Schwing dich oder ich hole dich gleich von deinem Bike!!“) betont cool  zur Türe hinaus.

Ich war echt geplättet…wie bescheuert musste man sein, solche Aktionen zu schieben??? Und vor allem: WARUM bitte kam keiner vom Theater?? Wäre der gewalttätig geworden (gut, er war ein Milchgesicht, den hätte ich mit einem Schlag unter die Platten gehauen), was dann? Ich saß immer noch kopfschüttelnd da, als ein Johanniter an mir vorbei schlappte. Er guckte zu mir, schlappte weiter, drehte sich um, guckte wieder…und schlappte auf mich zu:
„Alles in Ordnung?“
„Ähm…ja? (Wo warst du eben, du Hans???)“
„Gut…weil Sie da so sitzen….“

Ich blieb freundlich und war dann doch froh, dass das Ende der Vorstellung angekündigt wurde. Das hatte ich auch noch nie gehört…dass eine Lautsprecherstimme durchs ganze Theater hallte: „Die Vorstellung ist in wenigen Minuten zu Ende, bitte auf Ihre Posten!“ hihihi….

Ich humpelte leicht schmerzverzerrt zur Garderobe und holte schon mal den Mantel meines Mannes, ich hatte meine Jacke ja schon an…und auf der Fahrt nach Hause, während die Sitzheizung meinem Rücken Linderung verschaffte, dachte ich nochmal darüber nach, ob ich vielleicht in meiner Jugend ähnlich blöd gewesen sei….

Nein, definitiv nicht. =)
(Gottseidank…)

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